Confusio Confusionis.

Überlegungen zu Architektur und Musik

Alexander Tirel

Im Angesicht mit der Annahme, dass Chaos immer gleich Unordnung bedeutet, stellt Alexander Tirel in seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Begriffspaar die Analogie zur Kunst. Obgleich der oftmals negativen Konnotation und ihrem angenommenen wirren Produkt, nähert sich Tirel dieser Behauptung mit dem Gedanken, das bereits im klassischen Verständnis dem Chaos eine gewisse Harmonie zuteil war.

»[…]; ich möchte den Gesang von Säulen hören und mir im klaren Himmel das Denkmal einer Melodie vorstellen.«

Stellen wir die Frage, ob Chaos das Gegenteil von Ordnung ist, dann stoßen wir alsbald auf gegensätzliche Meinungen. Mit »Ja« könnte man antworten, wenn man die Ordnung als ein Ideal betrachtet, das nur durch Wiederholung, Konstanz und Ausgeglichenheit – also Unterkategorien desselben Begriffs – erreicht werden kann. Eine verneinende Antwort gibt jemand, wer Chaos als unvermeidlichen Bestandteil und als Voraussetzung für Ordnung betrachtet.

Resonanz findet diese Frage aber auch in der Kunst. Die heikelsten Vertreter:innen des künstlerischen Diskurses würden uns korrigieren, indem sie Ordnung durch dem Begriff der Harmonie ersetzen würden. Doch sollen hier die beiden Begriffe als Synonyme dienen, denn betrachtet werden Architektur und Musik, die durch ihre vielen Gemeinsamkeiten beide Begriffe miteinander verbindet. Angesichts des positiven oder negativen Verhältnisses zwischen Chaos und Ordnung bzw. Harmonie wollen wir uns fragen: Welche Bedeutung hat das Chaos in den beiden Künsten? Welchen Platz nimmt es ein?

Zwei Beispiele.

Die architektonische Kunst der Renaissance basierte auf den mathematischen Ordnungsverhältnissen der Antike und legitimierte somit die eigenen Konstruktionen. Diese auf Papier festgehaltenen Verhältnisse wurden bei der Ausführung der Konstruktionen jedoch nicht selten ignoriert bzw. aufgehoben, um eine harmonische visuelle Wirkung zu erzielen. So entschied sich beispielsweise Andrea Palladio häufig dafür, das pythagoreische Programm, das viele seiner Errungenschaften begründen sollte, bewusst zu missachten, um die Gebäude auf optischer Ebene harmonischer aussehen zu lassen. Es zeigt sich somit, dass erst das Aufheben der allgemeinen Ordnung zur eigentlichen Ordnung geführt hat. Damit entsteht also das Paradoxon: Je mehr Ordnung verlangt wird, desto weniger Harmonie wird erreicht.

Die Musik ist, genauso wie die Architektur, eine Kunst, die im Raum entsteht, die Räume öffnet und Räumlichkeiten erzeugt. Die Ouvertüre zu Franz Haydns Oratorium Die Schöpfung, das von den Büchern der Genesis, den Psalmen und John Miltons Gedicht Das verlorene Paradies inspiriert ist, zeichnet sich durch derart abrupte und entschieden dissonante harmonische Wechsel aus, dass sie das Publikum bei der Uraufführung im Jahr 1799 an das Chaos erinnerte, das der Schöpfung des Universums durch Gott vorausgegangen sein musste. Haydn selbst bezeichnete die ersten acht Minuten seines Oratoriums als Chaos. Hier wird deutlich, dass Unordnung und Chaos den Vorgang der Zusammenkunft verschiedener menschlicher und künstlerischer Prozesse unterstützen und somit Teil des Ganzen werden.

Als Gestalterinnen von Räumlichkeiten bedienen sich beide Künste nicht nur Formen der Unordnung, sondern bedürfen auch, diese aufzunehmen und sich zu eigen zu machen. Gleichzeitig haben beide Beispiele verdeutlicht, dass ein Werk erst dann seine Ordnung erreichen kann, wenn diese Formen der Unordnung gezielt in ein größeres System eingesetzt werden. Unsere Antwort lautet daher: Nein, Chaos ist nicht das Gegenteil von Ordnung, sondern Teil beider humanistischer Kunstformen, die allen und niemandem gehören.

Alexander Tirel (*2000, Südtirol) studierte Kunstgeschichte und Bildwissenschaft an der Universität Wien. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen in der Auseinandersetzung mit der historischen Dimension fotografischer Archive, der geopolitischen Relevanz des Mediums und der Dokumentation des Kunst- und Kulturerbes im 19. Jahrhundert.