Chaos: Ein Fragment aus dem Leben
David Ully
Ein Abend in einem Café, eine Beobachtung oder eigentlich mehrere. In seiner Kurzgeschichte erzählt Daivid Ully von Augen, die sich treffen und von Blickkontakten, die vermieden werden. Er lädt uns ein Teil zu werden in einer Situation, die durch das Wahrnehmen des Unsichtbaren entsteht. Zwischen dem Sehen und Gesehen werden bewegen wir uns gemeinsam mit dem Schriftsteller durch einen uns unbekannten Raum, den wir uns durch fragmentarische Bemerkungen des Protagonisten erschließen können. Die Erinnerung an eine dem Chaos nahe Situation, die David Ully seinen Leser*innen durch imaginäre Bilder im Kopf vermittelt.
»[ …] als er mich erblickt und die ersten Schritte zu mir macht, setzen meine Erinnerungen aus, alle Gedanken gehen verloren, in meinem Kopf: Schwarz… «
Ein Café an einem Winterabend. Das Stimmgewirr der vielen Menschen fügt sich zu einer Komposition: Mein Kopf kann heute nicht anders. Bevor ich auf jemanden warte, suche ich mir eine Sitzecke aus und befreie mich von meinem Mantel. Trotzdem ist mir heiß, mit meinen Fingern fahre ich über meine gerötete Haut und ein Schauder läuft mir kalt herunter – gleich darauf kehrt die Hitze wieder zurück. Ich warte und während ich warte, trifft mich ein Augenpaar, ich nehme es nur peripher wahr…
Die Frau mit dem langen Mantel ist mir aufgefallen, sobald sie das Café betreten hat. Sie wirkt nervös und erinnert mich an jemanden – doch an wen, das kann ich nicht sagen. Ihre Anwesenheit irritiert mich. Sie scheint auf jemanden zu warten und in diesem Augenblick ist meine Tarnung gefallen, sie hat mich bemerkt…
Das Augenpaar gehört einem jungen Mann, der in der Ecke des Cafés sitzt. Er scheint angespannt zu sein und wendet sich in diesem Moment von mir ab…
Ich vertiefe mich also wieder in mein Buch, aber lange ist es nicht, bis ich meinen Kopf wieder hebe und sich eine neue Szene vor mir ausbreitet. Die Dame scheint einen älteren Mann zu beobachten, dieser unterhält sich mit dem Kellner. Dabei strahlt sie, ihr Lächeln ist ein fragiles, eines der Art, als würde sie einen Liebsten gleich zum letzten Mal sehen. Es steckt eine un-fassbare, zarte Traurigkeit darin. Es ist kein ordinäres Lächeln. Diese Stimmung steckt mich an. Endlich wendet sich der Mann von dem Kellner ab und schreitet zu ihr…
Da kommt er die Stufen hinaufgestiegen. Während er sich noch mit dem Kellner unterhält, so wie er es immer getan hat, kann ich nicht anders, als dieses Schauspiel zu bewundern. Was dieser Mensch für mich bedeutet, ist nicht in Worte zu fassen und in dem Moment, als er mich erblickt und die ersten Schritte zu mir macht, setzen meine Erinnerungen aus, alle Gedanken gehen verloren, in meinem Kopf: Schwarz…
Ich fühle, wie sie einen inneren Kampf verliert, ihre Augen werden rot und noch bevor der Mann sie erreicht, fallen die ersten Tränen zu Boden. Keine langen Begrüßungen werden ausgetauscht, beide wissen, warum sie sich zu dieser Stunde hier sehen. Der ältere Mann bleibt ruhig. Er wirkt wenig überrascht und hört der Frau einfühlsam zu. Ich vernehme nur das Murmeln eines Mundes, der viel loszuwerden hat. Reich an Tränen und reich an Worten waren diese Minuten. Als das Gespräch mehr zum Dialog wurde, beruhigte sich die Dame etwas. Ich glaube, der Mann muss ermunternde Worte gesagt haben und steht jetzt vorsichtig auf. Nein, er ist niemals gesessen, die ganze Zeit stand er da, als wäre er immer schon am Sprung gewesen. Nun dreht er sich also in meine Richtung und ich kann nicht anders, als mich ertappt zu fühlen…
Meine Erinnerungen kamen erst wieder, als er sich von mir abwandte. Der Virtuose macht sich langsam an sein Werk. Ich werde den Stimmen gewahr, erst jetzt merke ich, was eigentlich passiert war. Jeden einzelnen Schritt über Jahrzehnte hinweg perfektioniert und einstudiert, so vertraut richtet er sich auf dem Flügel des Cafés ein. Die Noten, der Stuhl, sein Glücksbringer. Und als er schon saß, bereit, dem Stimmgewirr ein musikalisches Kontra zu bieten, dreht er sich zu mir und blickt mir in die Augen…
Als der Mann zu dem Klavier ging und es sich, ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal, dort gemütlich macht, steigt die Spannung an. Die Situation hat mich nun völlig eingenommen und ich kann nicht anders, als sie mit meinen Sinnen zu verfolgen. Der Mann am Klavier scheint bereit zu sein, doch bevor er loslegt, steht er erneut auf und schreitet zu der Dame in der Ecke. Es scheint, als könnte es das letzte Mal sein…
Seinem Blick folgen einige Schritte und so steht er wieder vor mir, aber diesmal bin ich voller Bewusstsein. Er hat Notenblätter in seiner rechten Hand und reicht sie mir. Mit den Worten »Für dich« wendet er sich ab und sein Konzert beginnt. Es ist 17:36, noch nie hat er verspätet begonnen.
Der Anspruch verschiedenste Erlebnisse zu sammeln und Neues kennenzulernen führte David Ully (*1998, Österreich) zur Philosophie, in dieser er sich besonders der Anthropologie, Ästhetik und gesellschaftlichen Thematiken widmet. In den Bergen zuhause geht der Fokus seiner Arbeit immer wieder auf das Erleben zurück – nicht nur auf theoretischer Ebene.