CHAOTISCHE SYSTEME

Dorian Beck

In einer unscheinbaren Ecke fand Dorian Beck ein Kabelchaos vor, was er ablichtete. Versteckt hinter augenscheinlichem Durcheinander fand Beck die Verbindung zwischen Chaos und Systemen: Denn nicht immer sei die angestrebte Ordnung möglich.  

Beck leitet ein mit dem Gedanken:

»Im scheinbar willkürlichen Verlauf der Kabel manifestiert sich eine paradoxe Ordnung: ein technisches Chaos, das zugleich von Funktionalität durchdrungen ist. Jedes Kabel trägt eine potenzielle Verbindung, eine unsichtbare Logik, die sich hinter dem visuellen Durcheinander verbirgt. Das Chaos hier ist nicht das Ende der Struktur, sondern ihre Vorbedingung – ein Zwischenzustand, in dem sich Energie, Kommunikation und Information verdichten.«

Dorian Beck Kabelchaos Chaotische Systeme

 

Chaos gilt als Wirrwarr, als Manifestation eines unüberschaubaren Etwas, das sich nicht kontrollieren lässt. Beck lässt anklingen, dass das Chaos viel mehr von unserer Natur stammt und wir als Menschen im Anklang unserer Kultur immer wieder versuchen, diese zu bändigen. Wir wollen Dingen immer wieder Ordnung geben, doch sind unsere Gegebenheiten so limitiert, dass wir unter diesen versagen: Chaos entsteht. Gerade heute streben wir nach solch einer Ordnung und Effizienz, alles soll clean und durchschaubar sein, wir wollen schnellstmöglich verstehen und durchschauen. Dinge, die uns überlasten, sind anstrengend und schieben wir somit in die Schublade zum Chaos. Analog zu seinem Kabeldurcheinander schreibt Beck:

 

 »[Betrachter*innen stehen] vor einer Form der Überwältigung: Der Blick verliert sich in der Vielzahl der Linien, unfähig, ein Zentrum oder eine Hierarchie zu erkennen“«

 

Beck zeigt hier anschaulich, mit was uns eine vermeintliche Abwesenheit von Ordnung konfrontiert: Mit Unruhe, Verwirrung und Desorientierung. Unordnung stiftet Unausgeglichenheit. Bei näherer Betrachtung aber fällt auf, die Kabel sind sortiert, sie sind aufgerollt und gekennzeichnet. Sie folgen ihrer eigenen Logik, ihrem eigenen System.  Beck spricht hierbei vom »Rhizom« (Mille Plateaux 1980) und schließt an den Gedanken eines sich ständig vernetzenden Systems ohne Zentrum, ohne Anfang und Ende. Und vielleicht heißt Ordnung auch nicht immer Linearität, vielmehr ist es sein eigens beherrschtes System, dessen wir mit mehr Zutrauen begegnen sollen. So beschreibt auch Beck eine Welt, »in der Komplexität nicht mehr gebändigt, sondern nur noch erfahrbar gemacht werden kann.« Und mit diesem Umstand müssen wir uns anfreunden.

Text von Viviana Krajewski

Dorian Beck kam durch einen Fotografiekurs in der Schulzeit zum ersten Mal in Berührung mit der Dunkelkammer, wobei sich hier sein Interesse für das Medium weckte, das er von da an aktiv nutzte. Nach fast zwei Jahrzehnten im Militärdienst veränderte sich sein Blick auf seine Umwelt stark. In seinen Arbeiten geht es ihm darum, Missstände, Veränderungen, Unsichtbares, aus dem Alltags Verdrängtes, wie auch strukturelle Unebenheiten – grafisch, wie gesellschaftlich – sichtbar zu machen und dabei ein vor allem unmanipuliertes Bild zu zeigen.  Seinen Motiven will Beck sanft und unaufdringlich begegnen, versucht sich dabei innerhalb seines möglichen Rahmens zurückzunehmen und damit keinen direkten Einfluss auf seine Umwelt auszuüben.