Die Gewohnheit der Fiktion

Ilkin Guliyev

Ilkin Guliyevs Fotografien fungieren als Bindeglied zwischen Erinnerung und Interpretation. In seiner Arbeit konstruiert er Momente, die der Realität zwar nicht getreu sind, ihre erinnerte Wahrnehmung jedoch wiederspiegeln.

Ilkin Guliyev changing room grüne Spinde mit Bänken unaufgeräumt

changing room, Dortmund 2021

Ilkin Guliyev talking on the porch aus der Serie die Gewohnheit der Fiktion zwei Menschen auf Sofa Porträts
Ilkin Guliyev entitled aus der Serie die Gewohnheit der Fiktion Stillleben Aal auf Servierteller mit Gras und Servietten

talking on the porch, Heiligenhaus 2025

untitled, Baku 2024

Ein Raum, ein Gespräch, ein Stillleben. Zwischen den verschiedenen Situationen, die der Realität entnommen sind, ist für eine Sache kein Platz: Dem Zufall. Ilking Guliyevs Fotografien sind inszenierte Momente, die zwar seiner eigenen Wahrnehmung entsprechen, diese aber nicht so darstellen, wie es wirklich gewesen ist. In seiner Fotografie beschäftigt er sich mit Erinnerung und Imagination. Er kreiert somit eine Narration dessen, wie es hätte sein können. Durch das Spiel von Licht und Schatten, von Wahrheit und Fiktion, verschmelzen hier die Grenzen zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Guliyev lädt die Betrachter*innen dazu ein, die Narration des fiktiven Moments weiterzudenken. Seine Protagonist*innen sieht er dabei als Performer*innen jener Realitäten, die durch die Fotografie enstehen und in ihrer Anschauung vollendent werden.

Im visuell komponierten Chaos der verlassenen Umkleidekabinen in changing room, in der die Spinde leer und die Bänke voll sind, bleibt die Frage nach den zurückgelassenen Gegenständen offen. Der leere Vogelkäfig, die Zeitschrift, die Kleidung, alles deutet darauf hin, dass der Raum noch kurz zuvor belebt war. Der betrachtende Blick gelangt allerdings immer wieder zurück zu der an der linken Seite des Bildes angebrachten Fotografie, die mehr als nur ein Fenster in eine andere Welt gesehen werden kann, jedoch damit verwirrt, dass die Farben die gleichen wie in der hier dargestellten Szene sind. Das Bild im Bild eröffnet eine Analogie zwischen dem, wenn auch geordneten Chaos, das von Mensch (und hier auch Tier) hinterlassen wird und der geordneten Schönheit der Natur.

In talking on the porch lädt uns der Fotograf ein, Teil eines Gesprächs zwischen einem sitzenden Mann und einer stehenden im Profil abgeschnitten Frau zu werden. Ein indirektes Dreieck der Blicke, eine Gartenbank. Wer von beiden als letztes gesprochen hat und worüber, bleibt unklar. Sicher ist nur, das wir die Rolle der Zuhörer*in stillschweigend einnehmen.

Das Stillleben untitled zeigt eine schreinartige Darstellung eines Aals. Eine brennende Kerze, Papiertücher und ein perfekt platzierter Zahnstocher auf einem Bett aus Kunstgras. Wie bei der Aufbahrung eines Toten, oder aber der Präsentation eines Gerichts, sind hier, wie so oft in Guliyevs Arbeiten, die Grenzen zwischen dem, was wir sehen und dem was wir uns vorstellen, verschwommen.

Text von Selma Mierl

Ilkin Guliyev (*1994, Aserbaidschan) studierte an der Staatlichen Universität Baku Journalismus und arbeitete dabei parallel als Fotojournalist für verschiedene Online-Medien. Von 2017 bis 2022 absolvierte er ein Fotografie Studium an der Folkwang Universität der Künste, wo er mehrere langfristige Projekte realisierte und mit dem dokumentarisch-künstlerischen Buchprojekt Long Overdue seinen Bachelor abschloss, wovon zwei Werke in die Fotografie Sammlung des Kunstpalastes in Düsseldorf aufgenommen worden sind. Seit 2022 studiert Guliyev im Masterstudiengang Photography Studies and Practice.  In seiner aktuellen Arbeit beschäftigt er sich mit einer dokumentarisch-inszenierten Bildsprache.