AM RANDE DER INTROSPEKTION

Joseph Tisor

In Joseph Tisors Auseinandersetzung begegnen wir dem Selbst durch Offenlegung seiner Introspektion. In seiner Abhandlung vermittelt Tisor zwischen Text und Bild, Privatheit und Öffentlichkeit, Realität und Narration.

Joseph Tisor Mikrowelle verschimmeltes Essen analog
Jospeh Tisor

Wir sehen handschriftliche Einträge: überlappt, zensiert, durchgestrichen – immer wieder überrannt von den eigenen Gedanken. Sofern zeigt sich kein perfektes Bild eines Selbst, viel mehr das Rohe und Vulnerable, was in der Alltäglichkeit des Individuums steckt. Tisor stellt uns trotz allem vor einer Erzählung, dessen Weg wir folgen und zwar anhand seiner eigenen Narration, die durch Datum, physischem Bestand und doppelter Absicherung folgt. Text und Bild stimmen miteinander überein, ergänzen sich trotz ihrer möglichen Unabhängigkeit in ihren Lücken und vermitteln somit eine distanzierte Nähe zum vermeintlichen Subjekt. In eben jener Offenlegung, wie durch die familiäre, gar kindliche Praktik des Tagebuchs, derer wir vertraut sind, entfaltet sich der Raum zur Identifizierung und der Empathie – ganz abgesehen von einer eigentlichen Fremdheit. Tisor objektifiziert das Selbst und spielt hier im Spektrum zwischen Nähe und Distanz.  Betrachter*innen schauen von außen dabei zu und erhalten Einblick in individuelle Gedanken und Sehgewohnheiten. Und obwohl das Private immer etwas geheimnistuerisches innehat und gerne verborgen bleibt, zeigt sich in der Thematisierung dessen ein gehaltreicher Blick ins Innere, das anspricht und von dem man nicht schnell wegschaut – selbst wenn wir verschimmeltes Essen betrachten.  

Text von Viviana Krajewski

Joseph Tisor (1994, Rugby, Vereinigtes Königreich) ist Fotograf mit Schwerpunkt auf dokumentarischer Fotografie, Porträt und subjektiven fotografischen Ansätzen, sowie zeitbasierten Videoarbeiten. Er absolvierte den Bachelor of Arts an der Folkwang Universität der Künste und setzt dort derzeit sein Studium im Master of Arts fort. Er lebt und arbeitet in Essen.