ERWISCHT

Katja Kondarev

Verwitterte, rostige Schutthaufen in einer Landschaft, die wir als eigentlich unberührt bezeichnen würden. In Katja Kondarevs Fotografie »Erwischt« zeigt sie uns eine menschenlose Szenerie und doch hallen in ihr Spuren dieser nach.

Katja Kondarev Erwischt Island Westfjorden Müllhaufen und Schrott in ländlicher Szenerie mit Schafen Panorama

»Bei einem kurzen Zwischenstopp während meiner Reise durch die isländischen Westfjorden stieß ich auf einen riesigen, verlassenen Schrotthaufen und hielt ihn für den perfekten Ort, um ungestört zu pinkeln.

Die Szenerie war schon merkwürdig genug, mitten in dieser postkartenwürdigen Landschaft.
Plötzlich hörte ich hinter mir einen Laut, so kräftig und unerwartet, dass ich zusammenzuckte. Vorsichtig blickte ich um die Ecke und sah drei Schafe, die völlig ruhig dastanden und mich mit verurteilendem Blick anstarrten.
Erst dann verstand ich, dass das Geräusch ein Blöken war.

Ich fühlte mich ertappt.
Ein absurder und surrealer Moment: perfektes Panorama, verlassener Schrott und drei Tiere, die mich musterten, als hätte ich gerade das größte Verbrechen aller Zeiten begangen.«

Diesen Moment einfangend, betitelte sie ihre Fotografie mit Erwischt. Kondarevs Fotografie gleicht einem Panorama, das längs die ruhige Landschaft Islands ausmacht, aufgeteilt in das Grün des Grases, wie dem Blau des Himmels. Mit dem Abbild des Wagens im Innern des Bildes, zentriert sich das Auge auf eben diesen und leitet den Blick weiter auf die verlassenen Teile von Kanistern, Reifen; kurzum Müll, der sich breit macht. Ausgleichend zeigt sich auf der anderen Seite der Fotografie größtenteils das Terrain der Schafe. Und obgleich seiner Abwesenheit zeigt sich der Mensch anhand seiner Spuren. Die Übereinanderhäufung von Gebrauchsgegenständen stellt einen klaren Eingriff der Menschen auf die Landschaft dar und demonstriert somit seine vermeintliche Präsenz. Doch merkwürdigerweise stört sich an diesem verwitterten Haufen kaum der Blick. So ist das Land Islands häufig begleitet von solch Lost Objects: Verwitterte, kaputte Autos und Gebrauchsgegenstände, die nicht mehr intakt sind und so vor sich hin rosten, dass sie Teil ihrer Landschaft werden. Obwohl ein Hauch des Menschen erkennbar wird, zeigt sich hieran viel mehr die Oberhand der Natur. Dinge verschwinden nicht vollends, doch sie werden so stark von ihrer Umwelt beeinflusst, dass sie in Symbiose mit dieser geraten. Kondarevs Panorama könnte als Tadel gesehen werden: Ein erneuter Moment vom Eindringen in der Natur seitens der Menschheit, fast so ermahnend wie die Schafe, die sie vorwurfsvoll anschauten. Oder es zeigt sich als Nachweis dafür, dass die Natur erhaben ist – ihren Platz einfordert. Und dass die Schafe bloß acht auf ihre Umgebung geben. Denn so zeigt sich nicht einfach Müll. Es zeigt sich eine faszinierende Szenerie, der wir unterliegen. Eigentlich nur auf der Suche nach Ungestörtheit, fand Kondarev wohl schließlich eben dies.

Text von Viviana Krajewski