Im Watt.
Das Meer im Porträt
Leon Düllberg
Im Sommer 2023 begleitete Leon Düllberg Naturschützer*innen und Forschende des Alfred-Wegener-Instituts während ihrer Feldarbeit im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Kontinuierlich thematisiert der Fotograf den Menschen durch das Porträt in Relation zu seiner sich schnell wandelnden Umwelt und bringt mit sanftem Blick Aufmerksamkeit auf oft übersehene Themen, wie hier bei seiner Serie Im Watt.
In Konfrontation mit schwindendem Seegras und den damit einhergehenden bedeutsamen Folgen für das Ökosystem im Wattenmeer schafft Düllberg eine betont naturbewusste Auseinandersetzung mit dem Mensch als Akteur*in und positioniert diesen vor Problemen des Klimawandels. Inmitten eines stetig steigenden Meeresspiegels, wie von immer wärmeren Wassertemperaturen sehen sich Individuen mehr denn je mit einer Flut an Bildern konfrontiert, die sie in ihrem eigenen Unbehagen überfordern und somit oftmals rasch beiseitelegen wollen. Obgleich dem dokumentarischen Wert, dem die Arbeit inne liegt, zeigt sich Im Watt durch seine künstlerische Form in einer gefühlten Harmonie. Das Porträt, das Düllberg hauptsächlich in der Arbeit nutzt, fungiert auf zwei Ebenen. Zum einen baut sich abseits der benötigten Sichtbarkeit von Forschenden eine Individualität auf, die die Thematik für das Publikum näher bringt. Zum anderen stellt Düllberg Parallelen zwischen der forschenden Person und dem Wattenmeer, also dem Menschen und seiner Umwelt, her. Personen aus der Serie sind unmittelbar mit ihrem Forschungsfeld verbunden, was synchron die Verwobenheit der Menschheit und seiner Natur unterstreicht. Düllberg hält das Moment der Verbindung fest und manifestiert in dieser Hinsicht unsere eigene Relation, wie die darin liegende Wichtigkeit dieser. Das Dasein wird unentbehrlich: Im Watt als Forscher*in oder als Subjekt in der Natur. Hier im Quadrat zentriert sich der Mensch, bringt uns durch geschaffenen Blickkontakt umso mehr in Berührung mit diesem und fokussiert auf sorgfältiger, behutsamer Art und Weise eine Thematik, die jegliche Akteur*innen betrifft.
Einführung von Viviana Krajewski
»Wie verändert sich unsere Beziehung zur Natur? Und wie lässt sich diese Beziehung bildnerisch darstellen und hinterfragen? Diese Fragen begleiten mich bereits seit vielen Jahren und ihre Relevanz erscheint mir heute wichtiger denn je.«
Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, der der deutschen Nordseeküste vorgelagert ist, erstreckt sich von der Elb-Mündung bis zur dänischen Nordseeinsel Rømø und ist der größte Nationalpark zwischen dem Nordkap und Sizilien. Er beherbergt mehr als 10.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten und bietet Schutz für zahlreiche heimische See - und Watvögel.
Trotz seiner Ausweisung als Nationalpark und Teil des UNESCO-Weltnaturerbes, ist das Wattenmeer zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt. Vor allem die Übernutzung und die Folgen der globalen Erwärmung schaden vielen Tier- und Pflanzenarten und führen zu drastischen Veränderungen innerhalb der Ökosysteme. Auch der Anstieg des Meeresspiegels, der durch das Abschmelzen des Grönländischen Eisschilds und der Eismassen in der Antarktis weiter voranschreitet, stellt das Wattenmeer und die angrenzende Küste vor große Herausforderungen.
Immer mehr Wissenschaftler*innen beobachten diese weitreichenden Konsequenzen, die die steigenden Wassertemperaturen und CO2-Werte auf die Pflanzen und Tiere im Wattenmeer haben. Die Folgen, die schon jetzt deutlich zu erkennen sind, gelten zunehmend als unaufhaltbar und Teil einer fortwährenden Verschiebung innerhalb der verschiedenen Ökosysteme in der Nordsee.
Besonders wichtig für die Ökosysteme im Wattenmeer sind die beiden heimischen Seegrasarten: Das Zwergseegras Zostera noltei und das Gewöhnliche Seegras Zostera marina. Beide spielen eine wichtige Rolle für viele heimische Fischarten und dienen als Schutz und Laichgrund. Sie sind somit ein wichtiger ökologischer Lebensraum in der Nordsee, der jedoch stark unter den steigenden Wassertemperaturen in der Nordsee zu leiden hat. Daher gibt es große Bemühungen deutscher Wissenschaftler*innen, den Einfluss von höheren Temperaturen auf das Seegras zu untersuchen.
Vor allem das Alfred-Wegener-Institut untersucht mit Hilfe von Luftbildern und neuen Experimentalanlagen wie der Mesokosmen auf Sylt, wie sich das Seegras bei steigenden Temperaturen und erhöhtem Nährstoffgehalt verhält. Diese aufwendigen Langzeitprojekte, die auch Zukunftsszenarien des Weltklimarats IPCC untersuchen, liefern genaue Daten darüber, welchen Einfluss die zukünftigen Gegebenheiten im Wattenmeer auf die Seegrasarten haben. Diese Daten sind auch für den Klimaschutz sehr wichtig, da das Seegras große Mengen an CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen und im Meeresboden binden kann.
Auch Muscheln und Fische wurden in den Mesokosmenanlagen bereits mit wärmerem Wasser und höherem Nährstoffgehalt konfrontiert. Hier ergaben die Untersuchungen, dass sich die zukünftigen Umweltbedingungen sogar auf die Fortpflanzung der Tiere auswirken könnte. In den Niederlanden gibt es außerdem Bemühungen die Seegrasbestände zu schützen und sogar zu erweitern. Eine noch recht junge Firma aus Groningen, die für verschiedene Forschungseinrichtungen und Universitäten arbeitet, hat eine Methode entwickelt, um die ursprünglichen Seegrasbestände im Niederländischen-Wattenmeer, die aufgrund von mehreren verheerenden Sturmfluten stark dezimierte wurden, wiederherzustellen. Hierfür werden in aufwendiger Fleißarbeit Samen des Gewöhnlichen Seegrases gesammelt und anschließend in einer kontrollierten Umgebung gezüchtet. Sobald sie widerstandsfähig genug sind, wird versucht, sie wieder vor der niederländischen Küste einzupflanzen und so einen Beitrag zur Erforschung und Wiederherstellung des Seegrases zu leisten.
Die Aufnahmen von Leon Düllberg, die sowohl Wissenschaftler*innen des Alfred-Wegener- Instituts, als auch die Naturschützer*innen aus Groningen zeigen, befassen sich neben der Forschungsarbeit und der Erfahrbarkeit der durch Ebbe und Flut geprägten Landschaft auch mit der sich stetig verändernden Beziehung zwischen Mensch und Natur und geben Einblick in eine einzigartige Landschaft, die zunehmend unter den Folgen der globalen Erwärmung leidet.
Leon Düllberg ist ein Porträt – und Dokumentarfotograf aus Norddeutschland. In seiner Arbeit beschäftigt er sich vor allem mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur und legt dabei einen besonderen Fokus auf ökologische Themen. Seine Fotografien konzentrieren sich auf das Porträt, beziehen je nach Themenschwerpunkt aber auch die Landschaft mit ein, die er als Teil der Menschen und ihrer Umgebung betrachtet und die uns oft in unserem Denken und Handeln beeinflusst.